Polyparty in Berlin

Quelle NEOS_pixelio.deSeit Januar 2014 gibt es Polypartys in Berlin. Neben überregionalen Treffen und lokalen Stammtischen, die Gelegenheit, Menschen zu treffen, die in einer verbindlichen Form mit mehr als einem Menschen liebevolle, dauerhafte und transparent geführte Beziehungen gestalten. Wie geht Polyamorie…

…in der gelebten Praxis?
…bei aufkommender Eifersucht?
…mit Partnern, für die das neu ist?

Bei der Frage nach den zentralen Werten in der Polyamorie kommt schnell das Missverständniss auf, das Beziehungsmodell rein oberflächlich oder radikal verkürzt, nur aufgrund der Bedeutung des Namens zu erklären. Ohne sich mit der Historie der Polamorie und ihren Werten zu befassen geht das so:

Poly = viel
Amore = Liebe

Davon abgeleitet – und das ist leider häufig auch in den Medien zu lesen oder zu hören, wäre Polyamorie auch Liebe zu vielen Sexpartnern und ganz allgemein eben der Zustand, „viel zu lieben“. Und da manche Menschen persönlich Liebe individuell definieren, wäre Polyamorie also auch „viel Liebe“ zu ….

…allen Menschen (pansexuell / Nächstenliebe)
…mehr als einem (eigenen) Kind
…mehr als einem Tier
… zu allem Leben (spirituell)
… zu vielen Göttern (griechisch/hinsuistisch/mythologisch)
…zur Philosophie (ursprünglich: Liebe zur Weisheit)

…zu verschiedenen Hobbys (oder zu vielen Arbeitstellen)
…zu einem Auto und zu einem Motorrad gleichzeitig, etc.

Eine derart beliebige Definition wäre absurd und böte keinerlei Unterscheidungskraft mehr. Und natürlich werden so Missverständnisse befördert.

Eine etwas konkretere Definition, bei der die „Liebe“ als tiefstes emotionales Gefühl zwischen Menschen verstanden wird (die gültige lexikalische Definition), kommt den Werten der Polyamorie schon bedeutend näher. Tiefe emotionale Gefühle stehen nicht zur Debatte bei einem One-Night-Stand oder einer flüchtigen Affäre. Auch Autos oder Motorräder werden nicht ernsthaft als Objekte tiefer emotionaler Bindung verstanden, auch wenn es hier sicher Ausnahmen gibt.

Die Polyparty ist so gesehen ein Treffen von Menschen, die tiefe emotionale Bindung zu mehr als einem Menschen aufbauen (möchten) oder sich dafür interessieren.

> Hier geht es direkt zum Ablauf, den Tickets und den Regeln <

Und es tut der Sache der Polyamorie gut, wenn viele Menschen mit dem Wunsch nach verbindlicher Mehrfachbeziehung die Gelegenheit bekommen, sich ungezwungen unter Ihresgleichen treffen können, um ohne teure Workshopgebühren und ohne „Alien-Status“ auf einer Party auch zwei Menschen an der Hand halten zu können und ungezwungen Spaß zu haben. Was die gleichgeschlechtliche Bewegung der Schwulen und Lesben inzwischen mit der völligen Gleichstellung ihrer Liebe gegenüber einer Ehe politisch in Deutschland erreicht hat, steht der Polyamorie mit der noch verbotenen Möglichkeit auch offiziell Verantwortung für mehr als einen Partner zu übernehmen, und das unabhängig vom Geschlecht nicht nur den Männern zu „erlauben“ (Polygamiebegriff) noch bevor.

Dennoch wird Polyamorie häufig vom Beginn einer Beziehung aus definiert, als die Kultur des „sich Einlassens“ und des Flusses der Liebe beschrieben, ohne dem Wert der folgenden Herausforderung, sich täglich neu füreinander zu entscheiden und daran zu arbeiten, Raum zu geben. Ehrliche Begegnung mit allen Gefühlen, die auch da sein dürfen, wenn man schon jemand anderes liebt steht ganz am Anfang. Auf der anderen Seite, quasi hinter dem Kennenlernen, steht die oft langjährige Beziehungsarbeit mit mehr als einem geliebten Menschen. Wenn neue Menschen hinzutreten und die gmeinsamen Ziele geprüft werden. Wo es schon oft schwer ist, eine gute Partnerschaft zu führen, beweist die Polymorie, dass man sich sogar mehrfach „binden“ kann, ohne seine Freiheit zu verlieren.

Auch das ist Thema in den Gesprächen auf unseren Partys. Um unsere Wurzeln in der ebenso wichtigen wie wertvollen Freien-Liebe-Bewegung zu betonen, halten wir im Herzen die Ideale einer Abkehr von der strengen Monogamie aufrecht. Die Zeitgenossen aus der Ära der Kommune 1 und Woodstock mit ihrer radikalen Abkehr von der Kleinfamilie und dem Solgen „Make love – not war“ haben uns mit ihrem nicht an dauerhafter (eheähnlicher) Bindung interessierten Aktionismus den Weg geebnet. Heute können wir viel freier über veranwortungsvolle Nicht-Monogamie sprechen und freie Partnerschaften etablieren, in denen mehr als eine einzelne tiefe emotionale Bindung (der hauptsächliche Liebesbegriff) möglich ist.

Kurzer Check-up: Die zentralen Werte der Freien Liebe sind:

  1. Liebe wird vor allem mit Freiheit verbunden, Bindung stört den freien Fluss.
  2. Freie Sexualität und Impulsivität dient auch der politischen Demonstration, das Private ist politisch.
  3. Liebeskonzepte mit langfristiger Orientierung werden als besitzergreifend und unfrei kritisiert

Das Postulat aus der Kommune 1: „Wer zwei mal mit derselben pennt, gehört schon zum Etablishment“ stand der langfristigen Orientierung gegenüber mehr als einem Menschen im Weg. Und genau an dieser Stelle, an der die Freie-Liebe-Bewegung selbst begann Doktrien aufzustellen, haben  diejenigen, denen das wiederum „zu eng“ war, sich gelöst von ihren Vätern der Revolte. Und auch, wenn sich die Polyamorie wieder ein Stück weit in Richtung Familie und dauerhafter Orientierung entwickelt hat, als frei liebende Menschen, die den Wert gemeinsamer Verantwortung z.B. für gezeugte Kinder und eines gemeinsamen Lebensweges mit mehrereren stabilen Partnerschaften erkannt und entwickelt haben, ist Polyamorie dennoch ein Kind der Freiheit. Ein Konzept, dass jedem seine individuellen Abprachen erlaubt, dass Transparenz nicht näher und allgemeingültig definiert und Einvernehmlichkeit zwischen allen Beteiligten auch auf einer eher abstrakten Ebene, oder auch bis ins Detail der Benutzung gemeinsamer Räume regeln kann.

Aus einer Art „Konterrevulotion“ der radikalen Freien Liebe für die, die mehr als einen lieben und dennoch im Herzen treu sein möchten, ist nicht wieder die Enge der Monogamie und das Gebot der Treue, bis dass der Tod euch scheidet… geworden. Langfristige Orientierung bedeutet nicht, zu etwas gezwungen zu sein. Polyamorie kann sich in Freiheit binden und is innerlich so gefestigt, dass die persönliche Autonomie nicht durch langfristige Partnerschaften bedroht wird. Wer sich „ausprobieren“ will und „die Hörner abstoßen“ mus, ist hier falsch. Anstatt äußerlich frei zu sein, um jeden Augenblick eine neue Vereinbarung zu finden und zu schauen, was morgen besser passt, arbeiten „Polys“ an langfristiger Beziehungsorientierung mit mehr einer Partnerschaft.

Wir orientieren uns daher auch an dem „traditionellen“ Wertegerüst der Polyamorie und nicht an einer post-verbindlichen „Freie Liebe-Kultur“, in der „alles fließt“ und Sexualität im Vordergrund steht.  Klingt nach Arbeit? Doch wer sagt, dass Arbeit nicht auch Leidenschaft sein kann?

Deshalb: Die zentralen Werte der Polyamorie sind:

  1. Die Beziehungen sind langfristig angelegt
  2. Einvernehmlichkeit mit allen Beteiligten
  3. Transparenz gegenüber allen Beteiligten

Im Grunde ist Polyamorie von daher sogar mehr Arbeit als Vergnügen und man muss schon Lust haben auf Beziehugsarbeit, sie auch als Vergnügen empfinden, um sich das mit mehr als einer Person auf Dauer zu geben… Und je mehr Menschen sich treffen, um diesem Wunsch zu folgen und die Menschen dahinter kennen zu lernen, um so leichter tut man sich auch im Alltag, um über seine Beziehungsvorstellungen zu sprechen.

Wenn Du zur Party kommst, akzeptierst
Du damit unseren Ablauf und die Regeln.
Hier ist auch der Ticket-Link zum VVK

Unterstützt wird die Party vom Liebeskunst-Newsletter in Berlin und der größten deutschsprachigen Facebook-Gruppe zur Polyamorie, in der Atman, der Veranstalter der neuen Polypartys, seit 2012 als Adminstator für diese differenzierte Wahrnehmung von Polyamorie eintritt. Viel zu oft wird alles, was eine offene Beziehung ist oder was sich nicht monogam versteht, unterschiedslos vermengt. Und ein allgemeines Ziel der andersARTig UG, auch im Bereich Asperger-Autismus und Open-Air-Festivalkultur ist die Inklusion. Ein generelles Miteinander in Toleranz, aber auch in Klarheit der Unterschiede, damit man sich vorurteilsfrei begegnen kann.

Die Polyamorie ist inzwischen aus den Kinderschuhen herausgewachsen. Und Hugo von Hoffmansthal sagt zum persönlichen Wachstum: „Älter werden, heißt schärfer zu trennen und inniger zu verbinden.“ Die Polyparty ist in diesem Sinne ein kulturelles Event für offene Menschen, die die Verbindlichkeit lieben und wissen, dass sie keinen Swinger-Club vorfinden, sondern eine Work-Out-Party für Seele und Geist, mit Musik und Essen von Freunden. Die Erotik kommt dabei natürlich nicht zu kurz, wenn man sich über den gemeinsamen Weg einig ist und alle Beteiligten, auch die zuhause gebliebenen, einverstanden sind…

Um das zu üben…

…macht mehr Polypartys!
Wir unterstützen euch gerne.