September 18, 2017

Geschichte der Polyamorie

Vorab ein Hinweis:

Der folgende Text ist in Bearbeitung. Er erhebt (noch) keinen Anspruch auf Vollständigkeit und der Leser mag sich gern aufgefordert fühlen sich über die angegebenen Quellen hinweg zu informieren. Ich freue mich über Feedback. Auf der Startseite ist ein Kontaktformular oder nutzte die eMail im Impressum. In der am Textende verlinkten Facebook-Gruppe wird hierüber auch offen diskutiert.

Bei der Frage nach der Bedeutung des Polyamorie-Begriffes und seiner soziokulturellen Entstehung kommt oft ein Missverständniss auf. Das Beziehungsmodell wird hier und da rein etymologisch oder radikal verkürzt erklärt, also nur aufgrund der Bedeutung des zusammengesetzten Hauptwortes:

Poly = viel
Amore = Liebe

Dass man eine komlexe, in dreißig Jahren gewachsene Subkultur betrachten kann, ohne sich mit ihrer Historie und ihren Grundwerten zu befassen, scheint wenig hilfreich. Nach dieser radikal gekürzten Definition könnte man auch sagen, dass Zitronenfalter Zitronen falten. Da, wo Menschen nach Oriententierung suchen, geht es immer auch um eine Wertediskussion und gewissen Qualitäten. Wenn Poly-Amorie also ganz allgemein erklärt wird, ohne Bezug zur Entstehungsgeschichte und „viel zu lieben“ bedeutet, wird nicht mehr unterschieden, ob es sich um eine tiefe Zuneigung innerhalb eines Familienverbundes (Elternliebe, Geschwisterliebe), um eine Geistesverwandtschaft handelt (Freundesliebe, Partnerschaft beruflicher oder emotionaler Natur) oder aber um ein körperliches Begehren gegenüber einem anderen Menschen (den puren Eros) handelt.

Unter einer derart stark verkürzten Definition von Polyamorie stünde erst einmal„viel Liebe“ zu ….

…allen Menschen (pansexuell / Nächstenliebe)
…mehr als einem (eigenen) Kind
…mehr als einem Tier
… zu allem Leben (spirituell)
… zu vielen Göttern (griechisch/hinsuistisch/mythologisch)
…zur Philosophie (ursprünglich: Liebe zur Weisheit)

…zu verschiedenen Hobbys (oder zu vielen Arbeitstellen)
…zu einem Auto und zu einem Motorrad gleichzeitig, etc.

Eine derart beliebige Definition ist absurd und bietet keinerlei Unterscheidungskraft mehr. Und natürlich werden so Missverständnisse befördert. Egal? Kann doch jeder halten wie er oder sie will? Mintnichten! Spätenstens bei der Jobsuche, wenn die eigene Neigung in den sozialen Netzwerken offbart wird oder wenn Menschen sich kennen lernen und beim ersten Date „Polyamorie“ sagen, rächt sich eine wachsweiche Definition.

Woodstock Gäste – Bild von Derek Redmond und Paul Campbell unter CC BY-SA 3.0

Eine etwas konkretere Definition, bei der die „Liebe“ als tiefstes emotionales Gefühl zwischen Menschen verstanden wird (die gültige lexikalische Definition), käme den Werten der Väter und Mütter der Polyamorie schon bedeutend näher. Tiefe emotionale Gefühle stehen nicht zur Debatte bei einem One-Night-Stand oder einer flüchtigen Affäre. Auch Autos oder Motorräder werden nicht ernsthaft als Objekte tiefer emotionaler Bindung verstanden, auch wenn es hier sicher Ausnahmen gibt. Im ganzheitlichen Begriff der Liebe gibt es auch nicht die Verwechslung mit dem reinen Eros.

Wenn es also zunächst um einen kleinesten gemeinsamen Nenner gibt, dann findet er sich im philosophischen Liebesbegriff, dem romantischen Ideal der seelischen Zugehörigkeit, der Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit, Freundschaft, Agape und Eros. Ein tauglicher Ansatz wenn man  zu bequem ist oder zu wenig reflektiert vorgeht, um sich zumindest ein wenig mit den Folgen der sexuellen Revulotion und ihrer Freien-Liebe-Bewegung sowie der duch sie postulierten, radikalen Trennung des Liebesbegriffes von der emotionalen Bindung und der (seelischen) Treue oder Loyalität, wie sie in der Monogamie bisher exklusiv verstanden wurde, zu befassen.

Kurzer Check-up: Die zentralen Werte der Freien Liebe sind:

  1. Liebe wird vor allem mit Freiheit verbunden, Bindung stört den freien Fluss.
  2. Freie Sexualität und Impulsivität dient auch der politischen Demonstration, das Private ist politisch.
  3. Liebeskonzepte mit langfristiger Orientierung werden als besitzergreifend und unfrei kritisiert

Das Postulat aus der Kommune 1: „Wer zwei mal mit derselben pennt, gehört schon zum Etablishment“ stand der langfristigen Orientierung zu mehr als einem Menschen im Weg. Es wollte provozieren und radikal den Sex von der Liebe abtrennen. Das Woodstock-Festival, die großen Harems-Gemeinschaften in den USA, bei denen mit neuen Formen des Zusammenlebens experimentiert wurde, fanden ihre frühe Entsprechung im Friedrichshof des Wiener Aktions-Aktivisten Otto Muehl und sein AAO. Es gab extreme Exzesse, Kunst mit Asche, Exkremten und Innereien und Kinder, junge Mädchen, die mit einsetzender Meno dem Führer der Gemeinschaft zur Liebesschule geschickt werden mussten und sexuell missbraucht wurden… (Link) (Link) (Link)

Symbol der HIV- & AIDS Solidarität – Niki-K-Aids-Awareness, www.aochiworld.com CC-BY-SA-3.0

Während der HIV-Dramen in den 80er -Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als es in den USA immer mehr AIDS-Tote unter den Schwulen und den Blumenkindern gab, wurden auch mehr und mehr Aktivisten unglücklich, da ihnen auf Dauer die Verbindlichkeit in der Liebe abhanden gekommen war. Der Ratlosigkeit und Betroffenheit angesichts der Folgen rebellischer Sex-Praktiken stand kein neues, wirklich taugliches Lebenskonzpt gegenüber, für dass es sich im Zweifel gelohnt hätte zu sterben. Familien mit Kindern wurden entgegen der Hoffung nicht glücklicher, wenn sie mit ihren Vätern und Müttern aus dogmatischen Gründen nicht zusammen bleiben durften.

Damit einher ging die Erkenntnis, dass der politische Aspekt der Freien-Liebe-Bewegung, make love – not war bzw. in Deutschland mit Rainer Langhans und seinen kleinen Provokationen der spießbürgerlichen Gesellschaft, an seine Grenzen stieß. Dieter Duhm hatte sich vom Bürgerschreck Otto Muehl abgewendet und später das ZEGG gegründet. Ein Ort, an dem das Tempo der sexuellen Revolution gedrosselt wurde und an dem es bis heute mehr um Kommunikation und Liebe geht, als um „Ficklisten“ wie seinerzeit in der Mühl-Kommune. Radikale Sexualität hatte zwar eine unglaubliche gesellschaftliche Sprengkraft, doch zu einer neuen, verantwortlichen Form der Familiengründung, für das Leben im Alter, für bindungswillige Menschen, die dem Diktat der Kirche und des Staates nur etwas mehr Freiheit entgegen setzen wollten, bot die Freie Liebe keine Antworten.

Die Folgen eines deutlichen Verfalls der radikalen Freien-Liebe-Bewegung, in der nur der Moment und auf gar keinen Fall die Bindung zählte, führten zu zahlreichen Diskussionen in den einschlägigen Internetforen der USA. Menschen, die zwar nicht mehr monogam lebten, denen es auf Dauer aber an der Geborgenheit des Beziehungsversprechens mit ihren Liebsten als Ausdruck von Lebensqualität fehlte und an tiefer emotionaler Liebe. Sie stritten sich mit denen, die jede Form von Bindung und Versprechen in der Liebe nach wie vor falsch hielten. Viele hatten jedoch erkannt, dass nur mehr Sex keine wirkliche Befreiung verschaffte, sondern auf Dauer einsam machte.

An dieser Stelle, als die Freie-Liebe-Bewegung selbst Doktrien zur Nicht-Bindung entwickelt hatte, haben sich Menschen gelöst von ihrer Revolte. Die Freie-Liebe-Bewegung stand sich mit ihrer Radikalität inzwischen selbst und dem Ruf nach einer gesunden Balance zwischen Freiheit und Verbundenheit im Weg. 1984 dann die erste extreme Gegenbewegung: „Polyfidelty“ (Ryam Nearing schrieb später Loving More. The Polyfidelity Primer). PEP Publishing, Hawaii 1992, ISBN 0-9622144-1-8). Der krasse Kontrapunkt zur Freien Liebe bestand darin, geschlossene polyamore Netzwerke zu fördern, in denen klare Regeln für eine Art von „Gruppenehe“ ausgehandelt wurden. Sexuelle Außenkontakte nur mit dem Einverständnis aller Beteiligten und ansonsten interne sexuelle Treue, Haupt- und Nebenbeziehungen (Primary / Secondary-Partner) sowie ein klares Bekenntniss zur Verbundenheit. Das Pendel der Freien Liebe schlug erstmals wieder sehr stark in Richtung der klassichen, romantischen Beziehungsvorstellung aus, wenn auch ab jetzt mit mehr als einem Partner. More than two… sollte ein geflügeltes Wort in der Poly-Bewegung werden und hat sich bis heute in der anlgo-amerikanischen Szene gehalten.

Loving More war solch ein frühes Projekt von Ryam Nearing, mit der die Polyfidelitous Educational Productions (PEP) 1984 gegründet wurde. Nach 10 Jahren Newsletter-Veröffentlichung und der Durchführung von Konferenzen wurde das Projekt professionalisiert, um die Netzwerk- und Publishing-Bemühungen von PEP zu erweitern. Deborah Anapol und Ryam Nearing, die gemeinsam das Abundant Love Institute verwaltet hatten, trennten sich und Ryam leitete „Loving More“ mit ihrem Partner Brett Hill weiter. Sie veröffentlichten die „Loving More Magazine“ – das einzige Magazin weltweit, das sich ausschließlich Themen widmet, die sich auf mehrere Partner beziehen. Sie verbreiteten auch Ryams Buch „Loving More – Ein Polyfidelity Entwurf“, organisierten Gastgeberkonferenzen sowie Workshops und fungierten als nationales Clearinghaus sowie öffentliches Forum für die polyamoröse Bewegung.

Obwohol sich die neue Form der sog. „Polyamorie“ also wieder ein Stück weit in Richtung Wahlfamilie und dauerhafter Orientierung entwickelte, sollte sie dennoch ein Kind der Freiheit bleiben. Denn eines war klar: es gab keinen Weg mehr zurück in die Monogamie und Fremdbestimmung. Der Bedarf nach gemeinsamer Verantwortung z.B. für gezeugte Kinder und möglicherweise einen gemeinsamen Lebensweg entstammte zwar der romantischen Liebe, sollte diese Ideale jedoch in ein nicht-monogames Beziehungsmodell integrieren.

Die Entstehung der Polyamorie

Die Geburt der Polyamorie fällt in eine Zeit, in der die Freie-Liebe-Bewegung ihren Zenit wohl überschritten hatte. Als Geburtsjahr des Polyamorie-Begriffes gilt 1990, als die US-Amerikanerin Morning Glory Zell-Ravenheart in ihren Artikel „Ein Blumenstrauß von Geliebten“ (engl. „A Bouquet of Lovers“) die Popularisierung der Wortverbindung „poly-amorous“ anregte und damit die Tür etwas weiter öffnete, als die Polyfidelety-Bewegung von Ryam Nearing und Brett Hill. Voraus gegangen waren unendliche Diskussionen in diversen Newsgroups im Internet, in denen viel von der neuen Form„responsible nonmonogamy“, also verantwortlicher Nicht-Monogamie die Rede war.

Ravenheart war selbst ein Kind der Hippie-Kultur und lebte mit ihrem Ehemann recht unkonventionell. Sie fasste diesen Gedanken auf und brachte ihre Gedanken aus der Perspektive einer funktionierenden Paar-Beziehung ein, die sich für weitere vertraute Menschen öffnet. Etwas Verbindliches, zu dem dann weitere dauerhafte Liebes-Partner dazu kamen und nicht nur temporäre Geliebte.

Die Werte der Polyamorie sind seitdem:

  1. Die Beziehungen sind langfristig angelegt
  2. Einvernehmlichkeit mit allen Beteiligten
  3. Transparenz gegenüber allen Beteiligten

Diese Definition steht auch so in der deutschsprachigen Wikipedia. Sie ist also nicht willkürlich gewählt oder anmaßend, weil die Quellenlage und die wissenschaftliche Befassung, u.A. von Christian Rüther mit siner Retrospektive seit den 60er Jahen des letzten Jahrhunderts (Abschlussarbeit im Fach Philosophie an der Uni Wien im Jahr 2004) genau das belegt. Absolute Geschlossenheit wird nicht verlangt, Ehrlichkeit und Achtsamkeit für die Bedürfnisse und Ängste der Liebsten hingegen schon. Es wurde klar, wie viel Kommunikation, mitunter auch Verzicht auf impulsgesteuerten Genuss die eingeschränkte Freiheit forderte. Anstatt extrem viel Sex ohne Bindung und tiefe Liebe, gab es Streit um Urlaubstage, Besuchsrechte und die Benutzung des Ehebettes. Die neue Polyamorie bedeutete auch Prioritäten im Alltag miteinander auszuhandeln, mit Eifersucht umgehen lernen, Selbstvertrauen entwickeln und vor allem zu versuchen (ganz wird dies nie gelingen), niemand für die eigenen Gefühle verantwortlich zu machen.

Deborah Anapol, klinische Psychologin in den USA und Mitbegründerin der Polyamorie-Bewegung, beschrieb bereits in den 80er Jahren des lezten Jahrhunderts in ihrem Grundlagenwerk über Polyamorie (Polyamory: The New Love Without Limits. 1997. ISBN 978-1-880-78908-7) explizit diese partnerschaftliche Perspektive und grenzte Polyamorie ganz klar vom „Swinging“ für Gelegeneits-Sex ab. Sie trennte sich von „Loving more“ und der EEP-Organisation 1996, um ihre eigenen Interessen zu verfolgen und ihr erstes Polyamory-Buch zu schreiben: Love Without Limits. Mit dem Untertitel „Secrets of Sustainable Intimate Relationships“ betont sie die Prinzipien der Nachhaltigkeit und einer Form von Verantwortung für vertiefte Beziehung mit mehr als einem Partner. Doch natürlich wäre eine freiheitsliebende Bewegung, wie die der Strömung unkonventioneller Beziehungsformen nicht authentisch, wenn sich in ihr nicht auch wieder neue Gegenströmungen entwickelt hätten.

Die Gegenbewegung zur Gegenbewegung

Bereits im gleichen Jahr, 1997, brachten Dosie Easton & Janet W. Hardy „The Ethical Slut: A Guide to Infinite Sexual Possibilities“ mit ihrer radikalen Sicht auf ethische Freie Liebe heraus (ISBN: 978-3-86882-508-4). Ein Werk, dass in den USA sofort zum Renner in der Polyamorie-Szene wurde, obwohl es inhaltlich praktisch nichts damit zu tun hat. Ihre Sichtweise auf den Sex in der Polyamorie schlug das Pendel wieder stark in die andere Richtung hin, zu mehr Promiskuität und wilder Extase. Dieses mal, anders als in der frühen Freie-Liebe-Bewegung mit guter Kommunikation, der Toleranz auch feste Bindungen zu behalten, aber vor allem viel zu ficken. Fotzen, Schwänze, Ärsche und Geilheit tragen das Buch bis heute in die Mitte der Polyamorie-Bewegung. Vulgäre Ausdrücke, Gossensprache und absolut qualifizierte psychologische Hinweise für einen achtsamen Umgang mit den Geliebten machten das Buch für viele neue und alte Hippies unwiderstehlich. Ganz am Anfang, in der Einleitung sagen sie ganz offen, worum es „moralischen Schlampen“ geht:

Poly-Pride San Francisco 2004 – Urheber Pretzelpaws Wikimedia GNU-FDL

„Wer träumt nicht davon, Liebe, Sex und Freundschaft im Überfluss zu genießen? […] Erfolgreiche Versuche Freie Liebe zu leben, gab es in vielen Epochen […] wenn Sie davon träumen, von Freundschaft und Zuneigung umgeben zu sein, in einer angenehm erotischen Atmosphäre, wenn Sie davon träumen, Ihren Gelüsten zu folgen und zu schauen, wo sie Sie hinbringen, dann haben Sie den ersten Schritt bereits getan.“

So wichtig und anerkennswert diese Ideale sind, kommt durch die, wenn auch sparsame Verwendung des Wortes Polyamorie (die ja bis dahin eher offene, feste Partnerschaften meinte) reichlich Verwirrung zustande. Die ehrliche Beziehungsorientierung der Polyamorie und die Entscheidung weit mehr als den Sex miteinander zu teilen, wird durch die Auflösung des Polyamorie-Begriffes nach dem Erscheinen dieses Buches ein Stück weit entwurzelt. Und obwohl sie explizit nicht über verbindliche Partnerschaften schreiben, sondern über Freie Liebe mit emotionaler Verantwortung (ein Modell, für dass es ab 2004 einen neuen, eigenen Begriff geben wird), hat ihr Text die Polyamorie ein Stück weit wieder zurück in Richtung der Freien Liebe verortet, wenn auch mit Achtsamkeit und Respekt. Der Erfolg hatte viele Väter, vor allem Männer und Frauen, dies sich danach sehnten, möglichst viel Sex zu haben. And sex sells!

Wenn man verstehen möchte, wie den Autorinnen Dossie und Janet ihr fulminanter Spagat zwischen Freiheit und Verantwortungbewusstsein gelang, muss man sich ihrer Historie zuwenden. Altkinder der 70er Revolution, echte Hippies also, jeweils mit diversen Abschlüssen und Auszeichnungen in Psychologie und nebst dem Autoren-Dasein, jahrelang sowohl im klassischen monogamen Bereichen, als auch polygamen Beziehungen erfahren. Sie waren (mehrfach) verheiratet, sind im BDSM/Kink-Bereich heimisch, verstehen sich selbst als lesbisch und bi-sexuell, und gehen mit alldem sehr offen um.

Ihr Buch gipfelt so auch in einem ganzen Kapitel darüber, wie man mit seinem Partner an einer offenen Orgie teilnehmen kann, wie man sich dabei verhalten und worauf man achten sollte. Alles in ihrem Leben ist sehr, sehr sexlastig. Verbindliche Mehrfach-Beziehungen nennen sie „Clans“ oder „Polyfidelity“ oder etwas verdruckst „Konstrukte“ und beschreiben hierbei nur die Formate der Polyamorie, die in vollkommener Abgeschlossenheit zwischen den Liebenden existieren. Polyamorie als offene und dauerhafte Bindung zu mehr als einem Partner, Beziehungsarbeit im Alltag, gar Probleme der gemeinsamem Kindererziehung, Ressourcen teilen und Fernbeziehungen meistern? Darum geht es bei den „Schlampen mit Moral“, wie die deutsche Übersetzung heißt, nicht.

Man muss anerkennen, dass die Autorinnen durchgehend an so viele Geschlechter, wie Trans und Bigender, wie auch an so viele geschlechtliche Orientierungen, Bi-, oder Pansexualität, denken. Nur zwei Gruppen von Menschen in offenen Beziehungen werden sich so gar nicht angesprochen fühlen, denn sie werden gandenlos ignoriert: Asexuelle Menschen und solche, denen es in ihren Beziehungen in erster Linie um Liebe geht. Das Buch möchte der Polyamorie schließlich auch gar nicht dienen, betont immer wieder worum es hier geht, wird aber von Polys geliebt, die der festen Partnerschaft als Lebensentwurf an sich skeptisch gegenüber stehen, sei es aufgrund von eigener Beziehungsunfähigkeit oder einfach der Erkenntniss, dass sie anders besser leben.

Beziehungsanarchie-Symbol, Author Liftarn – CC-BY-SA-3.0

So sind auch die Grundwerte der Polyamorie von „Schlampen mit Moral“ nicht gänzlich in die Zeit vor der Polyamorie zurückgedreht worden. Ein neues Modell, das die freiheitsliebende Seite der Polyamorie weiter ausdifferenziert, übernahm 2004 einen Teil dieser Verortung. Die schwedische Autorin Andie Nordgreen kreierte mit ihrem Blogpost „Beziehungsanarchie“ einen neuen Begriff im Feld der offenen Beziehungen und gab dem „Schlampentum“ innerhalb der Polyamorie eine dezidierte Heimat. Sie verband erstmals die Ideale des herrschaftsfreien Modelles anarchistischer und selbstbestimmter Lebensweise mit ihren Beziehungsvorstellungen  offener, auf freier Verhandlung basierender Liebe – a priori ohne Beziehungswunsch.

Ihr Konzept beschreibt eine Variante der offenen Beziehung, die besonders viel Wert darauf legt, eben keine vorgefertigten bzw. erwünschten Muster mit in die Begegnung zu bringen, sondern sich ständig bewusst zu entscheiden welche Form eine konkrete Verbindung jetzt gerade annehmen sollte. Um Herrschaftsfreiheit bemüht, werden auch Wünsche nach Bindung akzeptiert, solange sie alle Beteiligten explizit äußern. Sonst nicht. Die intrinsische Beziehungserwartung der Polyamorie lehnt sie ab, leistet sich den einen oder anderen Seithieb auf „von außen bestimmte“ Erwartungen, so als ob es keine inneren Wunsch nach Bindung gäbe und formt so ein doch wertvolles „Freie Liebe-Modell“ mit großer Verantwortung für sexuelle Freundschaften in gegenseitigem Respekt und absoluter Ehrlichkeit.

In der Beziehungsanarchie kann es um feste Beziehungen gehen, nur werden diese nicht so genannt, weil sie gegenwartsbezogen entstehen, aber nicht verabredet werden. Die Beziehungsanarchie spicht ausschließlich von Freundschaft. Anders als in der „klassichen Polyamorie“ werden auch Kompromisse für die Beziehung kritisch betrachtet, ja sogar offen abgelehnt. In diesem Beziehungsmodell steht die Zentrierung des Ego und der eigenen Zufriedenheit an erster Stelle. Aus dieser Fülle kann ein gemeinsamer Weg entstehen, solange alle Beteiligten sich bewusst dafür entscheiden.

Seit 2014 gibt eine deutsche Übersetzung des Textes, in dem das Konzept dieser Beziehungsform und die Beweggründe detailliert erklärt werden: „Beziehungsanarchie – Lieben nach dem Freundschaftsprinzip“. Der „fluide Raum“ zwischen einer festen Beziehung und einer Freundschaft hat hier großes Gewicht. Für freiheitsliebende Menschen, die bindungsfähig oder bedingt bindungwillig sind, bietet die BA ein glasklares und faires Nicht-Beziehungsmodell.

Zurück zu den Wurzlen

Die Polyamorie stellt die Absicht in den Mittelpunkt (jedoch nicht das von außen aufoktruierte Versprchen), dass man sich über Höhen und Tiefen hinweg seelisch treu bleibt, ohne sexuell exklusiv leben zu müssen. In meiner Facebook-Gruppe „Polyamorie deutschsprachig„, der größten in Europa zu dem Thema, bespreche ich mit über viertausend polyamor interessierten Menschen aus D/A/CH die eigentliche Form der Polyamorie, so wie sie historisch gewachsen ist. Aus einer Art „Konterrevulotion“ der radikalen Freien-Liebe-Revulotion ist ein Weg aus der Enge der Monogamie geworden, der jede Rückwärtsbewegung in die ungebundene Form der Liebe überlebt. Weil es Menschen gibt, die einander (seelisch) treu sein möchten, ohne sexuell exklusiv zu leben aber auch keine  anarchistische Alternative zur Monogamie suchen. Langfristige Orientierung bedeutet eben nicht gleich zu einer lebenslangen Ehe gezwungen zu sein oder gesellschaftlichen Normen entsprechen zu wollen. Polyamorie kann sich in Freiheit binden und ist innerlich so gefestigt, dass die persönliche Autonomie nicht durch langfristige Partnerschaften bedroht wird.

Wer sich „ausprobieren“ will und „die Hörner abstoßen“ muss, ist hier falsch. Anstatt äußerlich frei zu sein, um jeden Augenblick eine neue Vereinbarung zu finden und zu schauen, was morgen besser passt, arbeiten „Polys“ an langfristiger Beziehungsorientierung mit mehr einer Partnerschaft. Wir orientieren uns daher auch an dem „traditionellen“ Wertegerüst der Polyamorie und nicht an einer post-verbindlichen „Freie Liebe-Kultur“, in der „alles fließt“ und Sexualität im Vordergrund steht.  Klingt nach Arbeit? Doch wer sagt, dass Arbeit nicht auch Leidenschaft sein kann?

Im Grunde ist Polyamorie von daher manchmal sogar mehr Arbeit als Vergnügen und man muss schon Lust haben auf Beziehugsarbeit, sie auch als Vergnügen empfinden, um sich „das mit mehr als einer Person“ auf Dauer zu geben… Und je mehr Menschen sich treffen, um diesem Wunsch zu folgen und die Menschen dahinter kennen zu lernen, um so leichter tut man sich auch im Alltag über seine Beziehungsvorstellungen zu sprechen.

Die Polyamorie war immer schon eine Gegenbewegung zur Freie Liebe mit ihrem Postulat der Nicht-Bindung. Ein Statement gegen die Radikalität, mit der sich Teile der Free-Love-Bewegung gegen die bürgerlichen Strukturen romantisierter Liebe aufgelehnt hatten. Quasi ein Gegenschwung des radikalen Pendelausschlages auf die Seite der normativen Promiskuität, wieder ein Stück weit auf die andere Seite, zur Sehnsucht nach romantischer offener Liebe.

Um das zu üben…

…macht mehr Polypartys!
Wir unterstützen euch gerne.