Juni 1, 2016

doppetreu – der Poly-Workshop

Doppeltreu-Workshops im Zeichen der Polyamorie

Polyamorie, also die einzige auf Partnerschaft ausgerichtete, nicht-monogame Beziehungsform steht, was Verbindlichkeit, Transparenz und Ehrlichkeit gegenüber allen Beteiligten und den Willen zur allseitigen Beziehungsarbeit angeht, der Polygamie sehr nahe. Nur mit dem großen Unterschied, dass es bisher noch keinen legalen Weg für eine Mehrfach-Ehe gibt und alle Beteiligten, nicht nur die Männer, mehr als einen Partner haben dürfen.

Wäre es nicht wunderbar, wenn auch Familien mit mehr als einem Paar untereinander heiraten dürften und so die füreinander empfundene Verantwortung auch legal, im Pflegefall, mit den Kindern der Liebsten und unabhängig von Geschlecht und Status, rechtlich absichern könnten? Das Prinzip der Mitfreude stellt die Basis für den Wunsch für eine gemeinsame Zukunft dar. In unseren Workshops geht es um gelebte Beziehungsarbeit und, natürlich auch um Lust und Sexualität mit mehr als einem geliebten Menschen.

Wir sprechen über gegenseitige emotionale Fürsorge, Mitfreude und Mitverantwortung.

Und wo bleibt die Treue?

Polyamorie-Menschen CC-by-nd-3.0, PAN e.V.

Treue ist eine Tugend: die Verlässlichkeit eines Menschen gegenüber anderen. Sie basiert auf gegenseitigem Vertrauen und Loyalität und hat grundsätzlich weder mit Sex noch mit Exklusivität zu tun. In polyamoren Beziehungen hat Treue einen großen Stellenwert: Ehrlichkeit, Verbindlichkeit und das Einhalten von Absprachen werden in der Polyamorie als zentrale Werte verstanden.

Doppeltreu heißt in diesem Zusammenhang, mehr als einem Menschen gegenüber emotional loyal, verbindlich und ehrlich zu sein, ohne zu verletzten. Im Herzen da bleiben, auch wenn man weg geht, weil die Liebe sich teilt wie ein Zellkern und nicht zerteilt wird, wie ein Kuchen, der eifersüchtig verteidigt werden muss. Es geht um eine neue Qualität der Beziehungsarbeit mit mehr als einem festen Partner und ggf. lockeren Geliebten, die nicht als polyamore Beziehung hinzutreten müssen, aber sein dürfen. Weil nur das Pferd, das zu dir zurück kommt, wenn du es frei gelassen hast, gehört zu Dir. Alles andre ist nur Viehzucht…

Und weil das große Worte sind, passt diese Beziehungsform auch nur für sehr wenige Menschen. Die Vielfalt nicht-monogamer Lebensweisen jenseits von Betrug, Hintergehen, heimlichen Affären und Fremdgehen beginnt da, wo ein Partner weitere Liebste „duldet“, also einverstanden ist, ohne die näheren Details erfahren zu wollen: die offene Ehe ist das bekannteste Beispiel hierfür.

Es muss also nicht immer gleich die „große“ Polyamorie sein. Emotionale Bindungen außerhalb der Ehe sind jedoch bei den „kleinen“ Formen offener Beziehungen erfahrungsgemäßg eher nicht erwünscht. Andere Menschen suchen in der guten alten Freien Liebe ihr Glück – mehr oder weniger rebellisch, mehr oder weniger politisch und vielleicht auch als Phase für Experimente. „Was ist, das ist. Und was kommt, das kommt.“ In der Freien Liebe werden keine langjährigen Absprachen getroffen, sie hatte ihre große Zeit in den 60ern des letzten Jahrhunderts und konnte sich inzwischen etwas emanzipieren. Früher galt es hier, Bindung zu vermeiden, während modernere Formen, wie die im ZEGG entwickelte Art der Freien Liebe, eine kommunikative Form, mit hohem Grad an Selbstreflektion und Achtsamkeit, nicht mehr viel gemein hat mit dem Bürgerschreck der Hippie-Zeit. Der Artikel hinter dem Link zur Freien Liebe beschreibt ein solches modernes Konzept, gelebt und verwirklicht am Stadtrand von Berlin.

Neue Formate entwickeln sich und Grenzen werden immer wieder neu gezogen.

Heute sind die Übergänge fließend zur Beziehungsananarchie, dem jüngsten Modell der nicht-monogamen Lebensweisen. 2005 aus der Polyamorie heraus entwickelt, ohne das Bindungs-Gen, aber mit Ehrlichkeit und Respekt sowie Transparenz, solange diese von allen gewünscht wird. Bindungen können auch verhandelt werden, jedoch im Kern widmet sich die Beziehungsanarchie der Vermeidung von Herrschaftsstrukturen, festen Erwartungen und als gegeben gesetzter bürgerlicher Werteorientierung (Haus, Hof, Nestbau, Kinder, Rente, Schicksalsgemeinschaft). Dennoch kann genau das auch verhandelt werden. Wichtig ist hier nur, dass Ehrlichkeit und Respekt vor den Gefühlen des Gegenübers die Grundlage bilden und die Bereitschaft vorhanden ist, die Bedürfnisse aller Beteiligten gleichberechtigt zu betrachten. Die Form, ob Freundschaft, Bekanntschaft, Lieblingsmensch oder Mitbewohner ist hierbei, anders als in der Polyamorie, die immer von Beziehungsstrukturen ausgeht, nicht entscheidend. Was bei diesen Gesprächen und Verhandlungen entsteht, wird in der Beziehungsanarchie als bindend verstanden, ganz individuell. Freundschaft ersetzt den Beziehungsbegriff, auch weil diese frei von Verantwortungserwartungen ist. Hier ist sie der Freie Liebe nah und die „BA“ steht somit vom Wert der Verbindlichkeit her in etwa zwischen der Freien Liebe und der Polyamorie.

In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns in unseren Workshops. Fremdgänger, Betrüger und notorische Lügner sind hier unerwünscht. Ebenso wie anonyme Swinger und Schwindler, die alles mögliche erzählen, um für Sex kein Geld ausgeben zu müssen und den Kick der Eroberung suchen, seelenlosen Sex bevorzugen und in jeder Form bindungsunfähig oder bindungsunwillig sind. Das alles hat mit Polyamorie und Liebe nichts mehr zu tun.

 

Hier die ausführlichere Version zum Download (PDF)

Dazwischen gibt es die Freundschaft+, asymmetrische Beziehungen, egalitärer und hierarchische Formen, symmetrisch oder asymmetrisch, wo ein Mensch mehrere und der andre keinen weiteren Partner hat. Vielleicht gibt es BDSM-Spielbeziehungen, Tantra oder Causual Sex auf Dienstreise, den Genuss von selbstbestimmter Sexarbeit mit Hausfrauen oder Studenten, die Freude an ihrem Nebenjob haben oder a-Sexualität, mehr oder weniger ehrlicher Monogamie und platonischer Liebe. Denn, auch das ist Realität; es gibt keine „bessere“ Beziehungsvielfalt, als die, die zu den eigenen und den Wünschen des und der Liebsten passt. Auch wenn man „seine“ Form noch nicht kennt. Diese Vielfalt zu erkunden, ist ein Ziel unserer Seminare und Veranstaltungen.

Unter dem Begriff „Doppeltreu“ bieten wir Wokrshops an, die beziehungsorientiert sind. Hier ist der Raum, um Fragen zu klären, Unterschiede zu verstehen und auch um Gleichgesinnte in einer weniger emotionalen, mehr intelektuellen Umgebung zu treffen. Humor und Praxiserfahrung gibt es sowieso.

Die nächsten Termine kommen im April 2018.